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 Les: Apg 8,26-38 Ev: Mt 5,13-16

 

Liebe Mitchristen!

Vieles hat sich im vergangenen Jahr in unserem Land verändert. Vor einem Jahr hätten wir noch nicht daran gedacht, wie die Corona-Pandemie das wirtschaftliche, gesellschaftliche und unser kirchliches Leben beeinflusst.

Es gab viele Veränderungen, Vorschriften und Regelungen, mit denen wir zurechtkommen mussten und immer noch müssen.

Und in der Kirche? Viele sagen: da ändert sich nichts. Sie befürchten, dass der Synodale Weg der Kirche in Deutschland eine Aktion ist, die am Ende kein Ergebnis zeigt und nur Enttäuschung bleibt. Die heißen seelsorglichen Eisen wie der Umgang mit Geschiedenen und Wiederverheirateten, ökumenische Fragestellungen und die weniger werdende Zahl der Priester würden eh nicht angerührt, obwohl die Theologie Wege aufweist.

Aber stimmt das eigentlich, dass sich nichts ändert? Es ändert sich sogar viel. Nur wir ändern uns oft nicht im Sinn des Evangeliums, sondern wir werden geändert durch das, was um uns geschieht. Die ungewollten Veränderungen bekommen wir zu spüren, nur nehmen wir sie oft nicht zur Kenntnis, auch nicht in unseren Gemeinden, obwohl sie uns im Grunde ins Innerste treffen.

Nun ein kurzer Jahresrückblick auf unsere Pfarreiengemeinschaft:

Insgesamt hatten wir in allen Gemeinden im vergangenen Jahr 42 Beerdigungen und 14 Taufen. 23 Katholiken sind aus der Kirche ausgetreten, sei es aus finanziellen Gründen, weil für sie der Glaube nicht mehr wichtig ist oder aus Enttäuschung. Wiedereintritte in die Kirche gab es nicht. Dem stehen 14 Taufen gegenüber. Auf circa fünf Abgänge durch Tod oder Austritt kommt also ein Neuzugang durch die Taufe. Merken Sie, wie die Schere auseinander geht? Wir Christen werden weniger, unsere Gemeinden kleiner. Unser Bistum verliert - wenn es keine Trendwende gibt - pro Jahrzehnt ca. 100 000 Katholiken. Die Altersstruktur unserer Bevölkerung ist hierfür sicher ein Grund. Das ist wissenschaftlich erforscht. Daran wird sich nichts ändern lassen.

Es gibt aber auch andere Gründe: Immer mehr Jugendliche können den Glauben nicht verlieren. Er ist in ihnen überhaupt nicht gewachsen, weil ihr Umfeld, das Elternhaus, oft schon als Nährboden hierfür ausfällt.

Für viele Menschen ist Religion zur Privatsache geworden, manche basteln sich ihren Glauben selbst zurecht und in unserer Gesellschaft bekommt die Meinung eine immer breitere Basis, dass die Religion nicht in den öffentlichen Raum gehört. Wir sind ernsthaft in Gefahr, unser kostbarstes Erbe wie auf einem Trödelmarkt zu verschleudern: den Glauben an Gott, der Mensch geworden ist aus Liebe zu uns und der Gemeinschaft will: das Volk Gottes, die Kirche.

Veränderungen wahrnehmen - das ist das eine. Aber hat das Folgen bei uns? Es hilft uns nicht, wenn wir wehleidig über die schwierigen Zeiten für den Glauben und die Kirche jammern, aber auch nicht, wenn wir in unserer deutschen Kirche bis hinein in die Gemeinden einfach so weitermachen.

Dieses pastorale „Weiter - Mach - Modell“ sehen wir heute Abend wieder im Fernsehen in dem Sketch „Dinner for one“. Da sitzt außer der alten Lady niemand mehr am Tisch, aber für den alten Butler gilt: „James, the same procedure as every year“.

 Einmal konkret in unsere Situation hinein gefragt: Entspricht der Weiße Sonntag, so wie wir ihn seit Jahrzehnten jährlich feiern, noch der Glaubenssituation der meisten Kinder und ihrer Eltern? Ist das nur noch feierliche Fassade für ein Familienfest, das dann auch noch möglichst in jeder Gemeinde gefeiert werden muss? Sollte da nicht auch einmal über eine nötige Veränderung nachgedacht werden dürfen?

 Schönreden hilft uns nicht und Schwarzmalen schon gar nicht. Denn Gott ist es, der uns diese Zeit zumutet und uns da hineinstellt. Wir haben hier und heute eine Mission, da sind wir unersetzlich - und das dürfen wir auch als Christen in dieser unserer Kirche mit ihren Blessuren ohne Überheblichkeit, aber selbstbewusst, sagen.

Das Wort Mission hat es in sich. Viele denken: „Ja, wir selbst werden schon noch katholisch bleiben. Aber andere für den Glauben gewinnen? Das gelingt uns doch oft in der eigenen Familie nicht, bei den Kindern oder Enkeln den Glauben zu wecken und wachzuhalten.“

Es gehört zur Ehrlichkeit zuzugeben, dass die Kirche bis in die Gemeinden hinein in unserem Land oft wenig Faszination ausübt, schon gar nicht auf Jugendliche. Man erwartet nichts mehr von der Kirche. Es gibt manches Mal auch Enttäuschung durch mangelnde Wertschätzung und Unterstützung, Kräfteverschleiß durch einen mäßig christlichen Umgang miteinander und zu wenig Evangelium. Die Verwaltung aber funktioniert.

 Vor lauter Bemühungen, den Betrieb am Laufen zu halten und Erwartungen zu befriedigen, stehen wir Christen in der Gefahr, ob haupt -oder ehrenamtlich tätig, die Kraft und die Ausstrahlung zu verlieren für die, die nicht mehr oder noch nicht zu uns gehören. Der ehemalige Bischof von Limburg, Franz Kamphaus, dem ich auch den Impuls für diese Predigt verdanke, brachte es auf den Punkt, als er sagte:

 „Die schleichende Säkularisierung von innen, die unbemerkt mit rastloser Betriebsamkeit einhergehen kann, geht an die Substanz und ist viel gefährlicher für den Glauben als der Verlust gesellschaftlicher Positionen... Wenn die Kreuzesreligion zur Bedürfnisreligion wird, dienen wir schließlich keinem mehr, nicht Gott und nicht den Menschen“. Zitat Ende.

 Der eigentliche Mangel, an dem wir in unserer Kirche immer mehr leiden, ist nicht das knapper werdende Geld. Uns fehlt bis hinein in unsere Gemeinden die Überzeugung, dass wir eine Mission haben. Mit dem Evangelium haben wir eine Botschaft, für die es in der Welt keine bessere Alternative gibt. Das Wort vom Licht der Welt und vom Salz für diese Erde aus der Bergpredigt, das wir im Evangelium gehört haben, ist die Bestätigung Jesu für dieses unersetzbar sein von uns Christen. Diese Botschaft fordert uns aber auch heraus, selbst neu auf sie zu hören. Nur so können wir das Evangelium unter die Menschen bringen, wenn es für unser eigenes Leben die Kraftquelle ist, aus der wir leben.

Spielt die Heilige Schrift im Leben von uns Katholiken eine prägende Rolle oder ist sie vermeintlich nur etwas für Spezialisten? An Weihnachten haben wir immer wieder gehört, dass Jesus das Licht ist, das von der Krippe ausstrahlt. Zu diesem Licht kommen wir aber nicht im Sitzen und nicht allein durch Sitzungen, in denen das Evangelium als Maßstab unseres Handelns oft gar nicht vorkommt. Das Evangelium will uns allen vielmehr Beine machen und uns in Bewegung bringen, um den Menschen zu bezeugen, dass Jesus für uns und für sie das Licht für ihr Leben ist. Das ist unsere Mission.

 Wahrnehmen verändert. Wahrnehmen, das meint nicht nur sehen, vielleicht klagen über die schwierigen Zeiten für den Glauben und dann einfach so weitermachen. So verändert sich nichts. Wahrnehmen heißt vielmehr: seine Aufgabe wahrnehmen und handeln.

Mission heute bedeutet für uns Christen zunächst einmal selbst in unserem Umfeld mit unseren Stärken und Schwächen glaubwürdig christlich zu leben. Wort und Handeln, Gottesdienst feiern und unser Alltag gehören zusammen: Der Religionslehrer, der nicht nur vom Glauben redet, sondern ihn auch selbst lebt; die Schwester der Caritas-Sozialstation, die der Liebe Christi zu den Menschen ihr eigenes Gesicht gibt; die Erzieherin im Kindergarten, die das Kirchenjahr mit den Kindern feiert und es selbst in ihrer Gemeinde mit lebt; die Eltern, die mit ihrem Kind abends an der Bettkante beten; die Priester, Diakone und pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht nur Gemeinschaft in den Pfarreien von ihrem Dienst her gestalten, sondern Gemeinschaft auch selbst miteinander leben: sie alle sind lebendiges Evangelium.

Ich selbst habe mich als Generalvikar bei der Umstrukturierung der Diözese stark engagiert. Ich weiß aber auch, eine organisatorische Veränderung allein macht es nicht.

Heute ist besonders ein glaubwürdiges Wort, ein Gespräch von Mensch zu Mensch gefragt, wie es Philippus mit dem Kämmerer der Königin der Äthiopier tat: Woraus lebe ich? Was lässt mich glauben und hoffen? Warum bin ich Christ in dieser Kirche und warum bleibe ich es? Dort wo ein Christ, eine Christin jemanden in sein Leben und in sein Herz schauen lässt, da kann auch heute noch das geschehen, was in dem Gespräch zwischen Philippus und dem Hofbeamten geschah: Er fand zum Glauben.

Christen, die mitten im Lebensalltag ihr geistliches Profil zeigen - unaufdringlich, aber erkennbar, selbstbewusst, aber nicht überheblich - die lassen auch heute aufhorchen. Und das ist nicht allein die Aufgabe der Bewohner von Pfarrhäusern und Klöstern oder anderer Kirchenprofis.

Wahrnehmen verändert. Das gilt auch für uns Seelsorger. Wir dürfen wahrnehmen, dass sich viele Menschen in unserer Pfarreiengemeinschaft ehrenamtlich einsetzen, damit Gemeindeleben in seiner vielfältigen Form möglich ist. Dafür möchte ich auch im Namen des gesamten Seelsorgeteams Danke sagen, denn das lässt uns eben nicht resignieren, sondern gibt auch uns Mut und Kraft für unseren Dienst. Sie und viele andere, die unserem Glauben durch ihr Leben Farbe geben, helfen mit, dass deutlich wird: Der Glaube lässt das Leben nicht verkümmern, er engt es nicht ein, sondern setzt es frei und macht es reich.

 Ich wünsche Ihnen als Ihr Pfarrer zum Jahreswechsel und für das neue Jahr, dass wir in aller Offenheit im Blick auf unsere Glaubenssituation, auf unsere Kirche und unsere Pfarreiengemeinschaft feststellen dürfen:

 Wahrnehmen verändert: die Situation - und uns selbst. Amen.

Pfr. Thomas Keßler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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